Wer Israel besucht, begegnet ihr überall: auf offiziellen Dokumenten, an staatlichen Gebäuden, in Botschaften und vor allem auf dem Staatswappen. Eine siebenarmige Menora, flankiert von zwei Olivenzweigen, darunter das hebräische Wort „Israel“.
Es ist ein ungewöhnliches Staatswappen. Kein Schwert, kein Löwe, kein Adler und keine Krone schmücken den Staat Israel, sondern ein Leuchter. Ein Symbol des Lichts.
Und hinter dieser Entscheidung steckt eine Geschichte, die von der biblischen Schöpfung über den Jerusalemer Tempel und das Exil bis zur Gründung des modernen Staates Israel reicht.
Sieben Lichter – sieben Tage der Schöpfung
Die Menora besitzt sieben Arme. Die Zahl Sieben hat in der jüdischen Tradition eine herausragende Bedeutung und erinnert unmittelbar an die sieben Tage der Schöpfungsgeschichte: Sechs Tage lang entsteht die Welt, am siebten Tag ruht Gott. In dieser symbolischen Deutung kann die siebenarmige Menora deshalb als Abbild der Schöpfungsordnung verstanden werden. Licht steht am Anfang der Schöpfung. Bereits in Genesis heißt es: „Es werde Licht.“
So kann die Menora nicht nur als Symbol des Tempels verstanden werden, sondern als Sinnbild einer von Gott geschaffenen und geordneten Welt: Licht, Leben, Ordnung und Vollendung.
Ein Symbol, das älter ist als der Staat Israel
Die Menora gehört zu den ältesten Symbolen des Judentums. Ihre Geschichte beginnt nicht erst mit dem modernen Staat Israel, sondern mit der Bibel.
Im Buch Exodus wird beschrieben, wie Moses den Auftrag erhält, für das Heiligtum eine Menora aus reinem Gold anzufertigen. Der siebenarmige Leuchter stand später im Jerusalemer Tempel und gehörte zu dessen wichtigsten jüdischen Kultgegenständen.
Schon in der Antike wurde sie zu einem Symbol jüdischer Identität. Darstellungen von Menorot finden sich auf Münzen, in Synagogen, auf Grabsteinen, Mosaiken und anderen Zeugnissen jüdischen Lebens.
Dann kam das Jahr 70 n. Chr.
Mit der Zerstörung Jerusalems und des Zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. bekam die Menora eine weitere, geradezu dramatische Bedeutung. Die Römer raubten die Tempelschätze und führten sie in einem Triumphzug nach Rom. Die Menora ist auf dem berühmten Relief des Titusbogens in Rom dargestellt: Römische Soldaten tragen den siebenarmigen Leuchter aus dem zerstörten Tempel nach Rom.
Sie bleibt verschollen.
Das besitzt eine geradezu historische Ironie: Das Siegeszeichen Roms über das antike Jerusalem wurde zum Symbol der Wiedergeburt des jüdischen Staates. Die Menora, die einst als Beute nach Rom gebracht worden war, kehrte symbolisch nach Jerusalem zurück.
Warum genau diese Darstellung?
Als 1948 der Staat Israel gegründet wurde, brauchte der neue Staat ein eigenes Wappen. Die provisorische Regierung schrieb einen Wettbewerb aus. Gewünscht waren unter anderem eine Menora und sieben Sterne. Hunderte Entwürfe wurden eingereicht, doch zunächst überzeugte keiner. Schließlich legten die Brüder Gavriel und Maxim Shamir einen Entwurf vor, der nach mehreren Änderungen angenommen wurde.
Sie entschieden sich bewusst für eine historische Darstellung der Menora. Ihre Form orientierte sich an der Darstellung auf dem Titusbogen in Rom.
Das war mehr als eine ästhetische Entscheidung.
Der neue Staat Israel wollte kein beliebiges neues Symbol erfinden. Er wollte zeigen: Dieser Staat steht in historischer Kontinuität mit dem jüdischen Volk und mit Jerusalem. Die Menora verband den biblischen Tempel, das antike Jerusalem, die lange Geschichte der Diaspora und den 1948 wiedererrichteten jüdischen Staat.
Und warum zwei Olivenzweige?
Die Menora steht im Zentrum des Staatswappens. Links und rechts von ihr befinden sich zwei Olivenzweige. Auch das ist kein Zufall. Der Olivenzweig ist ein uraltes Symbol des Friedens. In der Geschichte von Noah bringt die Taube nach der Sintflut einen Olivenzweig zurück – ein Zeichen dafür, dass die zerstörerische Zeit vorüber ist und neues Leben möglich wird.
Gleichzeitig besteht eine unmittelbare Verbindung zur Menora: Im Tempel wurde Olivenöl verwendet, um ihre Lichter zu entzünden.
So entsteht eine bemerkenswerte Kombination:
In der Mitte steht das Licht. Daneben stehen die Olivenzweige des Friedens..Das israelische Staatswappen ist deshalb kein martialisches Symbol. Es verbindet jüdische Geschichte und staatliche Souveränität mit Religion, jüdischer Geschichte und einem Friedensmotiv.
Die Menora vor der The Knesset – הכנסת erzählt die Geschichte weiter
Noch eindrucksvoller wird die Geschichte vor dem israelischen Parlament, der Knesset, in Jerusalem. Dort steht eine etwa fünf Meter hohe monumentale Bronze-Menora des deutsch-jüdischen Bildhauers Benno Elkan. Elkan wurde 1877 in Dortmund geboren. Nachdem die Nationalsozialisten ihm in Deutschland die berufliche Tätigkeit unmöglich gemacht hatten, emigrierte er 1935 nach London. Seine monumentale Menora entstand zwischen 1949 und 1956 und wurde 1956 der Knesset übergeben.
Auch Elkan wollte nicht einfach einen überdimensionalen Leuchter schaffen. Seine Menora ist ein Geschichtsbuch aus Bronze. Auf ihren Armen finden sich Reliefs mit Figuren, Ereignissen und Motiven aus der Bibel und aus der Geschichte des jüdischen Volkes. Die sechs äußeren Arme erzählen von der Geschichte und dem Schicksal des jüdischen Volkes seit dem Exil. Der mittlere Arm führt die Geschichte über die Rückkehr in das Land Israel bis zur Gründung des Staates fort.
Damit wird die Menora vor der Knesset zu einer Chronik aus Bronze:
Schöpfung – Tempel – Exil – Verfolgung – Hoffnung – Rückkehr – Staatlichkeit.
Vom Symbol der Niederlage zum Symbol der Rückkehr
Vielleicht liegt darin die stärkste Bedeutung der israelischen Menora. Die Römer stellten die Menora auf dem Titusbogen als Beute aus. Für Rom symbolisierte sie den Sieg über Jerusalem und die Zerstörung des jüdischen Tempels. Israel machte daraus fast 2.000 Jahre später sein Staatswappen. Was einst als Zeichen der Niederlage nach Rom getragen wurde, steht heute wieder in Jerusalem.
Das ist keine Behauptung, dass Geschichte einfach rückwärts läuft oder dass die Geschichte der jüdischen Diaspora damit ungeschehen gemacht wäre. Im Gegenteil: Gerade weil Exil, Verfolgung und Vernichtung Teil der jüdischen Geschichte sind, besitzt das Symbol seine enorme Kraft.
Die Menora sagt nicht: Es ist nie etwas geschehen. Sie sagt vielmehr: Wir sind noch da.
Ein ungewöhnliches Wahrzeichen
Vielleicht ist es deshalb besonders passend, dass Israel sich nicht den Davidstern als staatliches Hauptsymbol ausgesucht hat. Der Davidstern ist zweifellos eines der bekanntesten jüdischen Symbole und befindet sich auf der israelischen Flagge. Die Menora besitzt jedoch eine noch unmittelbarere Verbindung zur antiken jüdischen Staatlichkeit und zum Tempel in Jerusalem. Sie ist ein Symbol, das bereits vor fast 2.000 Jahren in Jerusalem existierte. Und sie wurde nach der Staatsgründung bewusst als Zeichen des neuen Israel wieder aufgenommen.
Heute steht sie deshalb für weit mehr als Judentum.
Die Menora steht für Schöpfung und Licht, für Erinnerung und Kontinuität, für Jerusalem und das jüdische Volk, für Zerstörung und Wiederaufbau – und, flankiert von den Olivenzweigen, auch für die Hoffnung auf Frieden.
Vielleicht ist das eine der schönsten Geschichten, die ein Staatswappen erzählen kann: Das Licht wurde ausgelöscht. Es wurde geraubt und nach Rom getragen. Aber es bleibt nicht erloschen.
Nach fast 2.000 Jahren steht eine Menora wieder in Jerusalem.
Als Wahrzeichen eines souveränen jüdischen Staates.